Tagesgeld in Zeiten der Eurokrise – ein Experte im Interview

Euro in der KriseWo ist mein Geld noch sicher? Diese Frage stellen sich im Augenblick nahezu alle Europäer. Viele Anleger sind aufgrund der aktuellen Wirtschaftslage alarmiert und wissen nicht, wo und wie sie ihr Vermögen am besten anlegen können und sollten. Dabei geht es derzeit nicht einmal um den großen Renditegewinn, sondern primär um den Wunsch der Werterhaltung im Falle eines Zusammenbruchs des Euro-Währungsraumes.

Tagesgeld.org hat für Sie nachgefragt, wie ein Finanzexperte die Zukunft einschätzt und wie sicher Tagesgeldkonten in der Krise sind. Als Interviewpartner stand uns dabei Marc Brammer, Geschäftsführer von Vergleich.de Gesellschaft für Verbraucherinformation mbH, zur Verfügung. 

 

Tagesgeld.org: Der Euro kriselt – wie ist Ihre persönliche Einschätzung hinsichtlich der Zukunft der europäischen Währung?

Marc Brammer: Die Entwicklung des Euros ist derzeit schwer einzuschätzen. Vorstellbar ist, dass einzelne Länder aus der Europäischen Währungsunion (EWU) austreten. Ich gehe davon aus, dass dies langfristig zum Zusammenbruch des Euro-Währungsraumes führen wird. Eine problematische Situation für uns. Denn ein Auseinanderbrechen der EWU würde Deutschland besonders hart treffen, da die Bundesrepublik für Schulden einstehen müsste und gleichzeitig der Export gehemmt würde. Deshalb wird Deutschland alles daran setzten, dies zu verhindern.

Dies kann zudem bedeuten, dass Deutschland die derzeit ablehnende Haltung gegenüber der Maßnahme der Europäischen Zentralbank (EZB), Staatsanleihen von Krisenstaaten aufzukaufen, aufgibt und langfristig für Deutschland eine höhere Inflation in Kauf nimmt. Sowohl die Politik als auch die EZB müssen die Märkte vom Spar- und Reformwillen der betreffenden Krisenstaaten überzeugen, um sie zu beruhigen. Insbesondere die Politik agiert dabei derzeit gegenüber den Problemstaaten zu langsam und zu nachgiebig.

 

Tagesgeld.org: Würde ein Ausstieg Griechenlands den Kapitalfluss nach Deutschland erhöhen?

Marc BrammerIm Interview: Marc Brammer

Marc Brammer: Deutschland hat sich in den letzten Jahren und Monaten zunehmend zum sicheren Hafen für internationale Anlagegelder entwickelt. Ein Austritt Griechenlands dürfte diesen Effekt kurzfristig verstärken. Mittelfristig bleibt abzuwarten, wie sich die Situation in den anderen großen Volkswirtschaften wie Spanien und Italien entwickelt. Ebenfalls ist unklar, wie sich die Belastungen aus den europäischen Verpflichtungen auf das Rating von Deutschland als größtem Nettozahler der Europäischen Unionauswirken werden.

Gelingt es der Politik und der EZB, die Lage in der EU nachhaltig zu beruhigen, wird dies zu einem starken Kapitalabfluss aus Deutschland führen und die Zinsen für Deutschland und allgemein für Kreditkonditionen damit signifikant steigen lassen.

 

Tagesgeld.org: Die Menschen haben Angst um ihr Vermögen und suchen nach einer sicheren Anlageform. Welche können Sie empfehlen? Ist es wirklich sinnvoll, ausschließlich auf materielle Werte wie Gold und Immobilien zu setzen?

Marc Brammer: Sicherlich ist eine Diversifizierung des Vermögens in jeder Situation sinnvoll. Anleger sollten auf einen gesunden Mix achten und dabei die Gewichtung auf Anlageformen legen, die einen Inflationsschutz bieten. Hierbei bieten sich eigengenutzte Immobilien grundsätzlich an. Allerdings sollten Käufer die Lage im Hinblick auf Überhitzung prüfen und auch das Objekt in Bezug auf seinen Sanierungs- und Modernisierungsbedarf analysieren. Auch Rohstoffe können dem Portfolio sinnvoll beigemischt werden.

 

Tagesgeld.org: Tagesgeldkonten sind eine beliebte Sparvariante in der heutigen Zeit. Sie bieten Flexibilität und zudem im Vergleich mit anderen Anlageformen eine gute Rendite. Aber wie sicher sind sie in der Eurokrise?

Marc Brammer: Am Ende ist die Sicherheit davon abhängig, ob der Staat bereit und in der Lage ist für die Einlagen zu garantieren. Wenn die Krise alle Eurostaaten ergreifen würde und es zu einer Kapitalflucht käme, wären einige Staaten dazu nicht in der Lage. Selbst Deutschland bekäme wegen seiner Haftung für andere Staaten Probleme, die eigenen Einlagen zu garantieren. Grundsätzlich gehören Tagesgeldeinlagen, neben dem Besitz von Gold, aber zu den sichersten Anlageformen die es gibt.

 

Tagesgeld.org: Tages- oder Festgeld – wer schneidet im Augenblick besser ab?

Marc Brammer: Falls wir in Deutschland eine steigende Inflation erleben, so ist das Tagesgeld momentan die bessere Alternative, da die Festgeldzinsen noch steigen könnten.

 

Tagesgeld.org: Was ist mit Tagesgeldkonto-Anlagen bei ausländischen Banken? Insbesondere bei Banken in Italien (z.B. der IWBank) und Spanien (z.B. die Santander). Wie sicher ist die Einlage hier? Stichwort: Einlagensicherung.

Marc Brammer: Wenn einzelne Banken die Einlagen nicht mehr sichern können, hängt die Sicherheit von der Bonität des haftenden Staates ab. An den Renditen der jeweiligen Staatsanleihen kann man sehen, wie hoch diese von den Anlegern eingeschätzt wird. Die Santander-Bank stellt hier eine Ausnahme dar, da diese laut Analysen eine bessere Bonität aufweist, als die Staatsanleihen Spanien. Hinzu kommt, dass die Bank Santander in Deutschland dem deutschen Einlagensicherungsfonds unterliegt.

 

Tagesgeld.org: Wie sieht Ihre Prognose hinsichtlich der Zinsen für Tagesgeldkonten aus?

Marc Brammer: Erst einmal werden die Zinsen für Tagesgeld weiter fallen. Langfristig werden sie aber wieder ansteigen.

 

Das Interview führte Wilma Bögel.
Bildquellen: © leolo_berlin – Fotolia.com, Marc Brammer

Dieser Artikel wurde am 25.06.2012 veröffentlicht. Weitere Artikel finden Sie im News-Archiv und Meldungen über Zinsanpassungen in den Kurz-News.

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